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16Okt

Interview mit Frau Dr. Schmidmer zum Thema “Kieferorthopädie” – Die wichtigsten Fragen und Antworten

Dr. Katalin Schmidmer - Kieferorthopädin München

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Dr. med. dent. Katalin Schmidmer

Kieferorthopädin in München

+49 89 217 666 95

Was Sie über kieferorthopädische Behandlungen wissen sollten

Zahnfehlstellungen gelten häufig nicht nur als “Schönheitsmakel”, sondern beeinträchtigen auch die Gesundheit und Funktionsleistung des Kiefers und der Zähne. Eine Korrektur der Zahnfehlstellung ist daher für die Wiederherstellung und den Erhalt der Lebensqualität besonders wichtig. Dr. med. dent. Katalin Schmidmer, Fachärztin für Kieferorthopädie in München-Schwabing, hat für uns die wichtigsten Fragen rund um das Thema “Kieferorthopädie” beantwortet.

Wie kann man Zahn- und Kieferfehlstellungen bei Kindern vorbeugen?

Im Grunde sind Kieferfehlstellungen häufig angeboren, also nicht unbedingt etwas, dem man vorbeugen kann. Allerdings wird vieles durch Daumenlutschen und Schnuller verursacht, dadurch kann ein Kiefer deformiert werden. Grundsätzlich ist es aber meist so, dass entweder ein schmaler Kiefer und breite Zähne oder, umgekehrt, ein breiter Kiefer und schmale Zähne aufeinander treffen. Im ersten Fall überlappen sich die Zähne, weil sie nicht genügend Platz haben, im zweiten Fall entstehen Lücken zwischen den Zähnen. Kiefergröße und Zahnbreite sind Faktoren, die vererbt werden. Aber auch Rück- oder Vorverlagerungen des Kiefers, die viele Menschen haben, sind angeboren. Daumenlutschen verstärkt meist nur eine Tendenz, die bereits im Erbgut angelegt ist. Darüber hinaus hängt der Einfluss von Daumenlutschen oder Schnullertragen auch davon ab, über wie viele Jahre dieses Verhalten besteht: Wenn ein Kind mit zwei, drei Jahren am Daumen lutscht, ist das sicherlich anders zu bewerten als das selbe Verhalten bei einem Neun-, Zehnjährigen.

In welchem Alter sollten kieferorthopädische Behandlungen idealerweise durchgeführt werden?

Es gibt Fälle, in denen die Behandlung in sehr frühem Alter begonnen werden sollte, sobald die ersten bleibenden Zähne im Mund sind, also etwa mit sechs Jahren. Dies ist allerdings nur in Ausnahmefällen notwendig, wenn beispielsweise ein Kreuzbiss vorliegt. Wenn eine solche gravierende Kieferfehlstellung frühzeitig erkannt wird, wird sie auch behandelt. Bei allen anderen kieferorthopädischen Problemstellungen, wie schmale Kiefer, engstehende Zähne oder nicht angelegte Zähne, wo man die Lücken schließen will, wird im Alter von neun bis zehn Jahren eine Behandlung aufgenommen. Allerdings ist nicht das Alter unbedingt ausschlaggebend, sondern eher das Zahnalter. Um dieses festzustellen, muss man untersuchen, wie weit der Zahnwechsel fortgeschritten ist. Bei manchen Kindern findet der Zahnwechsel früher statt, bei anderen später. Grundsätzlich sollten Kinder immer wieder beim Zahnarzt vorgestellt werden, wenn sie schon Zähne haben. Dieser kann dann frühzeitig feststellen, wenn eine Indikation für eine kieferorthopädische Behandlung vorliegt.

Welche Patienten können eine kieferorthopädische Behandlung durchführen lassen? Gibt es Einschränkungen?

Es gibt natürlich Einschränkungen rein finanzieller Art. Menschen, die nicht versichert sind, müssen die Behandlung privat bezahlen, was sich nicht jeder leisten kann. Auch diejenigen, die versichert sind, können die Behandlung nicht immer von der Krankenkasse übernehmen lassen, denn die Kostenübernahme ist reglementiert. Für eine Kostenübernahme durch die Krankenkassen muss eine medizinische Indikation vorliegen, das heißt, die Behandlung muss medizinisch gerechtfertigt sein. Rein ästhetische Gründe reichen nicht aus. Besonders bei gesetzlich versicherten Patienten ist die Grenze zwischen medizinischer Notwendigkeit und Ästhetik haarscharf gezogen. Manchmal geht es dabei um einen halben Millimeter. Wenn die Krankenkasse die Behandlung übernimmt, dann übernimmt sie 100 Prozent der Kosten. Wenn allerdings keine medizinische Indikation vorliegt, muss der Patient sämtliche Kosten selbst tragen. Ansonsten gibt es nur geringe Einschränkungen. Manche Kinder und auch Erwachsene sind allerdings nicht behandlungsfähig, da sie selbst nicht in der Lage sind, ihre Zähne gut zu pflegen, was während einer kieferorthopädischen Behandlung unverzichtbar ist.

Lässt sich die Entfernung gesunder Zähne, um mehr Platz im Kiefer zu schaffen, immer vermeiden?

Ich bin dazu übergegangen, fast gar keine Zähne mehr zu ziehen, da man jeden Zahn in die für ihn vorgesehene Position bringen kann. Man kann in jedem Kiefer Platz schaffen, auch wenn die Behandlung in diesen Fällen oft langwieriger, aufwändiger und mit mehr Mitarbeit verbunden ist. Es gibt allerdings Unterschiede in der Gesichtsform, zum Beispiel zwischen Europäern und Asiaten. Bei Ersteren kann man meist alle Zähne im Kiefer unterbringen, bei Letzteren ist der Kiefer oft zu klein, um alle 28 bzw. 32 Zähne einzureihen. Das Aussehen des Gesichts kann dann negativ beeinflusst werden, wenn alle Zähne im Kiefer eingereiht werden, aber die asiatische Gesichtsform dadurch zu einer eher europäischen Gesichtsform verändert wird. In solchen Fällen ist es sicherlich sinnvoll, auch mal Zähne zu ziehen. Ansonsten bin ich der Meinung, dass jeder Zahn wertvoll ist. Deshalb sollten, wenn möglich, alle Zähne erhalten werden. Eine solche Behandlung dauert länger, man muss früher beginnen und das natürliche Kieferwachstum nutzen.

Wie muss man sich das vorstellen?

Der Mensch wächst, und dieses natürliche Wachstum kann man unterstützen und den Kiefer dazu anregen, mehr zu wachsen. Im Alter von etwa neun Jahren zeichnet sich oft bereits ab, ob bei unbeeinflusstem Kieferwachstum alle Zähne Platz finden werden. Das Kieferwachstum kann man im Bedarfsfall mit einer herausnehmbaren Zahnspange fördern.

Wann sollte eine feste Zahnspange zur Korrektur von Zahnfehlstellungen gewählt werden, und in welchen Fällen kann man auch mit einer herausnehmbaren Zahnspange gute Ergebnisse erzielen?

Eine herausnehmbare Zahnspange ist ein Instrument, das dafür eingesetzt wird, den Kiefer zu regulieren, zu formen und sein Wachstum zu unterstützen. Die feste Zahnspange wird eingesetzt zur Regulierung der Zähne. Das sind zwei völlig unterschiedliche Dinge. Eine Zahnregulierung mit einer festen Spange ist selbstverständlich erst dann möglich, wenn alle bleibenden Zähne da sind und bewegt werden sollen. Eine herausnehmbare Zahnspange wirkt nur dann, wenn auch noch Milchzähne im Mund sind. Der Wechsel von Milch- zu bleibenden Zähnen ist ein Zeitpunkt, zu dem der Kiefer stark wächst, und dieses Wachstum gilt es zu nutzen. Das ist etwa bis zu einem Alter von etwa zwölf Jahren möglich. Danach lässt sich der Kiefer mit herausnehmbaren Zahnspangen nicht mehr stark verändern. In den meisten Fällen bringt eine Kombination von herausnehmbarer und fester Zahnspange die besten Resultate. Erst wird der Kiefer vergrößert und seine Lage verändert, wenn dann genug Platz vorhanden ist, dann stellen wir sozusagen die Zähne gerade. Durch eine herausnehmbare Zahnspange werden die Zähne nicht gerade, zumindest nicht in dem Maß, wie das mit einer festen Zahnspange möglich ist.

Wie bekommt man kleine Patienten dazu, beim Tragen der herausnehmbaren Zahnspange auch mitzuarbeiten?

Das ist sehr schwierig. Am Anfang will jedes Kind eine Spange, eine bunte Spangendose und schöne Bilder in der Spange, die es sich aussuchen kann. Es ist wie mit Spielzeugen: Alles, was neu ist, ist reizvoll, später wird es uninteressant. Viele Kinder wollen nach zwei Wochen die Zahnspange nicht mehr tragen. Die Eltern sind dann gefragt, denn sie wollen, genauso wie wir, dass die Behandlung zu einem guten Ergebnis führt. Deswegen sagen wir den Eltern, wie die Zahnspange zu tragen ist, welche Zahnspange die richtige ist, hinkriegen müssen die Eltern und Kinder das zu Hause selbst. Letztendlich müssen die Eltern für das richtige und regelmäßige Tragen der Spange geradestehen. Manchmal gibt es schon Schwierigkeiten, den Kiefer so weit auszudehnen, dass alle Zähne Platz haben, dafür müssen die Kinder schon sehr gut mitarbeiten.

Reicht es, die Zahnspange nachts zu tragen?

Das ist leider eine utopische Vorstellung, mit der auch viele unserer Patienten in die Sprechstunde kommen. Ein Kiefer wächst 24 Stunden, neun-, zehnjährige Kinder schlafen allerdings nur etwa zehn Stunden. Da bleiben immer noch 14 Stunden, in denen die Spange nicht getragen würde und das Kieferwachstum unbeeinflusst bliebe. Das ist zu wenig. Wenn wir wirklich etwas regulieren wollen, muss die Zahnspange jede Nacht und am Tag getragen werden. Ungefähr 16 Stunden sollte die Spange jeden Tag insgesamt im Mund sein, wobei die Tragedauer von Fall zu Fall leicht unterschiedlich ist, da nicht jeder den gleichen Grad an Fehlstellung hat. Mit einer Tragedauer von 16 Stunden und der richtigen Zahnspange lässt sich fast alles erreichen. Das bedeutet, dass die Kinder die Spange in der Schule nicht tragen müssen. Nach dem Mittagessen sollten die Kinder die Spange in den Mund tun und während der Hausaufgaben, beim Fernsehen oder Computerspielen tragen und immer dann, wenn sie zu Hause sind. So kommt man in der Regel locker auf die erforderlichen 16 Stunden.

Trotzdem gibt es in der Praxis immer wieder Probleme…

Man weiß ja, was man erreichen will. Die Eltern sollten davon überzeugt werden, was für ein schönes Ergebnis ganz ohne Zähneziehen erreicht werden kann: Im besten Fall ein Hollywoodlächeln! So motiviert man Eltern, durchzuhalten. Sie schaffen es schließlich auch, die Kinder dazu zu bringen, zur Schule zu gehen und Hausaufgaben zu machen – obwohl diese nicht immer Lust darauf haben. Kieferorthopäden hingegen können das kaum steuern.

Welche Vor- und Nachteile bietet die sogenannte Lingualtechnik, bei der Brackets an der Innenseite der Zähne befestigt werden?

Die Vorteile der Lingualtechnik liegen auf der Hand: Man sieht sie gar nicht, weil die Brackets auf der Rückseite der Zähne befestigt sind, was vor allem für Erwachsene ein wichtiger Grund ist, sich für diese Form der Behandlung zu entscheiden. Niemand sieht, dass man eine Zahnspange trägt – das ist aber auch der einzige Vorteil. Die Nachteile überwiegen allerdings. Da sind zunächst die hohen Kosten der Behandlung. Sie kostet sehr viel mehr als die Behandlung mit einer klassischen labialen Zahnspange, bei der die Brackets auf der Außenseite der Zähne festgemacht werden. Darüber hinaus ist die Sprache beeinträchtigt, da sich die ganze Zahnspange im Zungenbereich befindet. Die Zunge stößt beim Sprechen in jedem Winkel des Mundes permanent an die Zahnspange. Man muss während der Eingewöhnungsphase sozusagen neu sprechen lernen. Wenn man etwa in der Berufswelt steht und plötzlich ganz anders spricht, wird das jeder sehr komisch finden. Man möchte ja eigentlich nicht mit einem Schild herumlaufen auf dem steht “Ich trage eine Zahnspange und rede deswegen so komisch”, weil es ja bei der Lingualtechnik darum geht, dass niemand etwas von der kieferorthopädischen Behandlung mitbekommt. Auch die Reinigung der Zahnspange ist ein Problem: Dadurch, dass die Zahnspange sehr verschachtelt ist, ist die Reinigung schwieriger und langwieriger. Die Behandlung dauert länger.

Welche anderen Möglichkeiten gibt es für Patienten, die sich eine unauffällige Zahnkorrektur wünschen?

Es gibt die Möglichkeit, die Brackets einer festen Zahnspange an den Zahnaußenseiten zu befestigen, dabei aber auf Keramikmaterial in der Zahnfarbe zu setzen. Die Zahnspange ist so zwar nicht unsichtbar, aber unauffällig. Zahnspangen aus Keramik sind genauso gut wie Zahnspangen aus Metall, dafür aber etwas teurer, aber nicht um soviel wie eine Lingualspange. Außerdem ist die Zahnspange ja nur für eine gewisse Zeitspanne im Mund, deshalb bevorzugen viele Menschen eine Labialspange, zumal sie damit keinerlei Einschränkungen bei der Sprache befürchten müssen.

Zähne nahezu unsichtbar mit durchsichtigen, herausnehmbaren Schienen korrigieren: Was halten Sie vom Invisalign-System?

Von diesem System halte ich nicht sehr viel, da dabei die Zähne nicht vollständig im Kiefer bewegt werden, lediglich die Zahnkrone wird gekippt. Diese Zahnspange setzt ausschließlich an der Zahnkrone an, im Gegensatz zur festen Zahnspange. Durch diese Kippung wandert die Wurzel nicht mit an den Ort, wo der Zahn hingehört. Dadurch kommt es immer wieder zu starken Rezidiven, das heißt, die Zähne stellen sich wieder in ihre Ausgangsposition zurück. Das sehe ich in der Praxis leider immer wieder. Viele Patienten, die zu mir kommen und völlig schiefe Zähne haben, erzählen mir, sie hätten schon eine Invisalign-Zahnspange gehabt. Bei ihnen haben sich alle Zähne in die Ausgangsposition zurückverschoben. Für ganz geringfügige Veränderungen – zum Beispiel dann, wenn eine kleine Lücke zwischen den oberen Schneidezähnen geschlossen werden soll – kann Invisalign allerdings sehr gut geeignet sein. Danach muss man allerdings das Erreichte auch fixieren, sonst geht die Lücke wieder auf, das ist dann auch weniger aufwändig, als das Tragen einer festen Zahnspange.

Zähne stabilisieren nach der Behandlung: Ist das bei allen notwendig?

Alle Menschen, die eine Zahnspange getragen haben, benötigen nach Abschluss der Behandlung eine Stabilisierung, da die Zähne durch den Knochen bewegt werden und kurz nach der Behandlung noch ganz locker sind. Die Zähne müssen sich in ihrer neuen Position erst noch festigen, der Knochen muss nachwachsen. Wird die neue Position nicht stabilisiert, gehen die Zähne sofort zurück in die Position, in der sie vorher standen. Diese Stabilisierung ist Voraussetzung dafür, dass das Ergebnis stabil bleibt. Nichtsdestotrotz bewegen sich die Zähne immer ein bisschen – was in der Natur der Dinge liegt und nicht heißt, dass die ganze Behandlung umsonst war. Je länger die Stabilisierung durchgeführt wird, desto schöner und stabiler ist aber auch das endgültige Resultat.

Wie läuft die Stabilisierung konkret ab?

Nach der Entfernung der festen Zahnspange gibt es mehrere Möglichkeiten, die Zähne zu stabilisieren, zum einen mit herausnehmbaren Geräten, zum anderen mit festsitzenden. Bei den festsitzenden spricht man auch von Kleberetainern, die dauerhaft hinter den unteren Schneidezähnen befestigt werden. Das ist ein kleiner Draht, der meistens hinter den sechs unteren Schneidezähnen positioniert wird, da diese am meisten gefährdet sind, sich zurückzuverschieben. Auch andere Zähne bewegen sich sich, aber gerade diese unteren Schneidezähne neigen am stärksten dazu, sich zurückzubewegen und sich zu überlappen. Man muss sich bewusst sein, dass dadurch immer etwas im Mund ist, wo sich auch Zahnstein bilden kann, man kann da weniger gut putzen und an der Stelle keine Zahnseide benutzen, das sind die kleinen Nachteile, aber es stabilisiert die Zähne sehr gut. Zusätzlich bekommt man im Oberkiefer eine herausnehmbare Zahnspange für die Nacht. Das kann unterschiedlich aussehen, meistens handelt es sich dabei um eine durchsichtige Schiene. Am Anfang trägt man den  herausnehmbaren Retainer auch am Tag, denn je öfter man ihn einsetzt, desto stabiler bleibt das Ergebnis. Dabei ist es aber sehr wichtig, konsequent zu sein. Jeder, der eine feste Zahnspange hatte, braucht eine Stabilisierung.

Wie können Patienten dazu beitragen, dass die Behandlung zu dem gewünschten Ergebnis führt?

Die Mitarbeit auch der erwachsenen Patienten ist besonders wichtig. Auch bei der festen Zahnspange muss man mitarbeiten, beispielsweise Gummizüge einhängen. Jeder, der eine feste Zahnspange hat, wird zu Hause etwas machen müssen, um am Ende ein schönes Ergebnis zu erreichen. Je konsequenter er das tut, desto schneller und besser läuft die Behandlung ab. Bei erwachsenen Patienten gibt es häufig das Problem, dass sie irgendwann ungeduldig werden. Das liegt daran, dass die Gewebereaktion bei Erwachsenen langsamer abläuft als bei Kindern, die Zähne bewegen sich langsamer. Häufig ist es so, dass bei Erwachsenen früher oder später zusammen mit einer beruflichen oder privaten Veränderung, wie mit einem Umzug in eine andere Stadt oder einer bevorstehenden Heirat, der Wunsch auftaucht, die Zahnspange loszuwerden. Wenn allerdings zu diesem Zeitpunkt noch kein stabiles Ergebnis erreicht wurde, muss man ganz fest damit rechnen, dass sich die Situation wieder verschieben wird.

Was muss man bei der Reinigung der Zähne beachten, wenn man eine feste Zahnspange trägt?

Das ist ein ganz großes Thema, wahrscheinlich das wichtigste überhaupt. Man muss sich vorstellen, das auf der vorher glatten Zahnoberfläche ein Teilchen befestigt ist, dass es Zahnbelag erleichtert, sich rund um das Bracket festzusetzen. Zahnbelag sieht man eigentlich nicht, er ist aber gefährlich. Zahnbelag bildet sich rund um die Uhr auf unseren Zähnen, muss regelmäßig weggeputzt werden, was eigentlich nur mit einer Zahnbürste möglich ist. Wenn der Zahnbelag nicht entfernt wird, gerade am Rand des Brackets, weil man nicht gründlich genug putzt, bleibt dieser Belag über die Jahre der Behandlung dort liegen. Das führt dazu, dass die Zähne an dieser Stelle entkalken, wofür die Bakterien in dem Zahnbelag verantwortlich sind. Wenn man die Zahnspange entfernt, kann man diese Entkalkungen um das Bracket herum sehen – unter dem Bracket wiederum nicht, da die Zähne an dieser Stelle durch den Klebstoff geschützt sind. Gegen diese entkalkten Stellen kann man eigentlich fast nichts unternehmen und nur mit starken Fluoridierungen dagegen vorgehen. Deswegen ist die Zahnpflege das A und O der gesamten Kieferorthopädie. Wenn die Zahnpflege nicht stimmt, kann man eigentlich keine feste Zahnspange tragen. Leute, die mit der Zahnpflege aus irgendeinem Grund nicht klarkommen, sind deshalb auch nicht für eine kieferorthopädische Behandlung mit einer festen Zahnspange geeignet. Wir haben häufig das Problem, dass während einer Behandlung die Zahnpflege so schlecht ist, dass wir die Zahnspange wieder entfernen müssen, um die Zähne nicht zu schädigen.

Wie reinigt man am besten die Zahnzwischenräume?

Wenn man eine feste Zahnspange trägt, kann man Zahnseide benutzen. Mit einem Kleberetainer an den unteren Schneidezähnen ist das hingegen nicht möglich, da ein Draht die Zähne verbindet.

Welche Hilfsmittel gibt es noch für die Zahnreinigung mit fester Zahnspange?

Wir empfehlen gerne elektrische Zahnbürsten, da damit jeder besser zurecht kommt. Auch Zahnzwischenraumbürsten können zweckentfremdet werden für die Flächen, die zwischen den Brackets und hinter dem Draht liegen. An diese Stellen kommt die Zahnbürste nicht hin. Darüber hinaus sind Fluoridierungen ganz wichtig, und der Gebrauch von dass man Fluorgels und fluoridhaltigen Zahnpasten, die die Zähne remineralisieren.

Worauf sollte man bei der Ernährung achten?

Verboten sind zuckerhaltige und säurehaltige Getränke, im Prinzip auch alle Säfte, da die darin enthaltenen Säuren die Zähne entkalken. Dadurch wird die Entkalkung, die durch die Zahnbeläge verursacht wird, noch unterstützt. Und auch zuckerhaltige Getränke werden im Mund zu Säuren durch die Bakterien, die den Zucker abbauen. Das größte Problem mit Limonaden und ähnlichen Getränken ist, dass sie oft über den Tag verteilt getrunken werden und es jedes Mal zu einem Säureschub im Mund kommt. Bei Süßigkeiten ist es ähnlich, weshalb es sinnvoll ist, sich nach dem Naschen die Zähne zu putzen. Dann ist es eigentlich kein Problem. Aber nach dem Trinken putzt man sich normalerweise nicht die Zähne, weshalb gesüßte Getränke tabu sein sollten. Wenn man eine Zahnspange hat, sollte man nur Wasser und ungesüßten Tee zu sich nehmen.

Wie sinnvoll ist die professionelle Zahnreinigung für Zahnspangenträger?

Die Wichtigkeit der professionellen Zahnreinigung im Rahmen von kieferorthopädischen Behandlungen wird überschätzt. Es handelt sich um eine einmalige Intervention, an demselben Tag sind die Zähne tadellos sauber, doch bereits am nächsten Tag haben sich wieder Zahnbeläge angesiedelt. Zwar kann nur bei einer professionellen Zahnreinigung der Zahnstein entfernt werden, den Zahnbelag müssen aber alle Menschen drei Mal täglich selbst entfernen. Es bringt nicht viel, wenn ich einmal im halben Jahr zur professionellen Zahnreinigung gehe und den Rest der Zeit die Zahnbeläge auf den Zähnen belassen.

Wie sollten Kinder, die eine Zahnspange tragen, Zahnpflege betreiben?

Wie jeder Zahnspangenträger sollten sie sich nach dem Frühstück, nach dem Mittagessen und nach dem Abendessen die Zähne putzen. Viele Kinder essen in der Schule zu Mittag, sie putzen sich dann um sieben Uhr morgens und dann erst wieder nach dem Abendessen die Zähne. Diesen Kindern empfehle ich, eine Handzahnbürste in die Schule mitzunehmen und nach dem Essen die Zähne wenigstens oberflächlich zu putzen. Zumindest einmal am Tag sollten die Zähne aber auch gründlich mit einer Zwischenraumbürste gepflegt werden. Das ist bei einem Kind nicht immer so einfach zu vermitteln.

Zahnspangen werden immer öfter empfohlen, um im Vorfeld einer prothetischen Versorgung die Zähne zu begradigen. Für wen ist so eine präprothetische kieferorthopädische Behandlung geeignet?

Im Grunde geht es bei der präprothetischen Kieferorthopädie darum, dass man Zähne so hinstellt, dass danach eine prothetische Versorgung optimal möglich ist. Es kommt in Frage für Menschen, die einen Zahn aus irgendeinem Grund verloren haben, beispielsweise durch Karies oder weil sie sich einen Zahn ausgeschlagen haben. Auch dann, wenn ein Zahn nicht angelegt ist, was sehr häufig vorkommt, hält der Milchzahn nie ein Leben lang. Wenn er dann ausgefallen ist, entspricht die Größe der Lücke nicht der Breite des bleibenden Zahns, der normalerweise diese Lücke einnehmen würde. Aber auch bei Menschen, die einen Zahn verloren und diese Lücke nicht sofort haben schließen lassen, ist eine präprothetische kieferorthopädische Behandlung angezeigt, da die angrenzenden Zähne in die Lücke hineinwandern. Diese hineingekippten Zähne muss man durch eine Zahnspange wieder aufrichten, bevor man die Lücke versorgen kann.

Welche unerwünschten Nebenwirkungen können mit dem Tragen einer Zahnspange einhergehen? Und wie kann man sie vermeiden?

Beim Tragen einer Zahnspange kann es zu Entkalkungen entlang der Brackets kommen, die zu Karies führen. Wenn man bei der Zahnbewegung zu starke Kräfte benutzt, kann es zu einer Wurzelresorption kommen: Auf den starken Druck reagiert der Zahn so, dass die Wurzel verschwindet.

Über die verbesserte Optik hinaus: Welche Vorteile kann das Tragen einer Zahnspange noch haben?

Kiefergelenk, Nacken, Schultern und Rücken hängen unmittelbar miteinander zusammen. Werden an den Zähnen durch eine kieferorthopädische Behandlung Veränderungen vorgenommen, kann sich das auch auf andere Teile des Skeletts auswirken. Durch eine richtige Bisslage entlastet man das Kiefergelenk, dadurch können beispielsweise durch Verspannungen ausgelöste Kopfschmerzen verschwinden. Ich freue mich immer sehr wenn wir diese Art von Schmerzen allein durch unsere Behandlung in den Griff bekommen, – was natürlich nicht immer der Fall ist, da die Kopfschmerzen nur in seltenen Fällen auf eine falsche Belastung des Kiefergelenks zurückzuführen sind.

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